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Autonomes Fahren – Deutsche Hersteller setzen sich ehrgeizig

Ein Beitrag von tzimmer 15 24.07.2016

Ein tödlicher Unfall in einem Testfahrzeug des Automobilherstellers Tesla lenkt die mediale Aufmerksamkeit momentan wieder insbesondere auf das Themenfeld des autonomen Fahrens. Tesla und Google sind mit ihren Systemen schon sehr weit in der Testphase vorangeschritten, was hat die deutsche Automobilindustrie, insbesondere die Premium-Marken, in diesem Zusammenhang entgegenzusetzen?
 
Volkswagen AG
 
 
Infineon Technologies AG
 
 
Intel Corp
 
 
Bayerische Motoren Werke AG
 
 
MobilEye
 
 
Daimler AG
 

Der kürzlich publik gewordene Unfall eines autonom fahrenden Tesla-Fahrzeugs sorgte medial für große Aufmerksamkeit, vor allem weil im Zuge des Unfalls der Testfahrer des Fahrzeugs getötet wurde. Das Fahrassistenz-System, welches zu diesem Zeitpunkt das Automobil steuerte, hatte einen kreuzenden Lastwagen-Anhänger in Folge einer Lichtreflexion für ein über der Straße platziertes Schild gehalten und infolgedessen keinen Bremsvorgang eingeleitet. Dieser Unfall stellt einen Rückschlag in der ansonsten kontinuierlich fortschreitenden Erfolgsgeschichte der Marke Tesla dar. Zuletzt war die Produktion des Model X angelaufen, welches auch auf Anhieb rund ein Drittel der produzierten Fahrzeuge ausmachte. Für Ende des Jahres 2017 ist die Markteinführung des Model 3 geplant. Preislich soll dieses in der Region um 35.000 Dollar liegen und somit Elektromobilität erstmals einer breiten Masse von Nutzern zugänglich machen. Seit der Vorstellung dieses Modells gingen bei Tesla etwa 370.000 Vorbestellungen ein. Daraufhin erhöhte Firmenchef Elon Musk das Produktionsziel für das Jahr 2018 auf 500.000 Einheiten.

Antriebstechnologisch scheint sich Tesla dabei einen großen Vorsprung auf die Konkurrenz erarbeitet zu haben, vor allem was die Produktionskosten der Antriebe betrifft. Die deutsche Automobilindustrie versucht Wege zu finden, dem Innovationstrieb des amerikanischen Konkurrenten nachzufolgen und setzt dabei insbesondere auch auf das Themenfeld autonomes Fahren. Dadurch ergeben sich auch für die Absatzpotentiale und Marktanteile der großen deutschen Automobilbauer und ihrer wichtigsten Zulieferer neue Wachstumsmöglichkeiten.

Die Daimler AG (Daimler AG (DE0007100000)) gilt mit ihrer Kernmarke Mercedes-Benz seit jeher als Vorreiter in dem Bereich von Sicherheitssystemen. Daher beschäftigt sich das Unternehmen bereits seit mehr als 10 Jahren mit diversen Sicherheitssystemen. Im Jahr 2013 führte der kombinierte Einsatz einiger dieser Systeme zur ersten autonomen Testfahrt einer S-Klasse von Mannheim nach Pforzheim. Daimler setzt dabei größtenteils auf eine eigenständige Entwicklung der verwendeten Systeme und verzichtet somit auf größere Kooperationspartner. Ende des Jahres 2015 hat man jedoch gemeinsam mit den Konkurrenten Audi und BMW das Kartenmaterial Nokia Here erworben. Hierbei handelt es sich um hochpräzises, digitales Kartenmaterial, welches im Zusammenhang mit dem autonomen Fahren von erheblicher Bedeutung ist. Damit wollte man sich vor allem auch in Zukunft unabhängiger von Fremdanbietern dieses Materials, wie beispielsweise Google, machen.

Im Gegensatz zu den Konkurrenten von Audi und BMW besitzt die Daimler AG auch ein erhebliches Absatzpotential im Bereich des Güterverkehrs. Die LKW-Sparte von Mercedes-Benz prägt seit Jahren unter anderem auch mit ihren „Safety-Trucks“ das Straßenbild in vielen europäischen Ländern. Wie weit die Sicherheitstechnik in diesen LKWs bereits vorangeschritten ist, zeigt ein kürzlich durchgeführter Testlauf auf der A52 bei Düsseldorf. Drei Mercedes-Sattelzüge bildeten dort über das „Highway Pilot Connect“ System einen virtuellen Güterzug, auch „Platoon“ genannt. Mithilfe einer Kombination aus WLAN, GPS und Radar-Signalen koppeln sich die Fahrzeuge aneinander und können somit komplett über den vorausfahrenden LKW gesteuert werden. Der Sicherheitsabstand innerhalb des Konvois kann dadurch von 50 auf 15 Meter verringert werden, wodurch aufgrund des entstehenden Windschattens die nachfolgenden Sattelzüge bis zu zehn Prozent ihres Kraftstoffverbrauchs einsparen können. Darüber hinaus verringert das System das Risiko der oftmals folgenschweren Auffahrunfälle zwischen mehreren LKWs erheblich. Vor allem die erheblichen Effizienzvorteile der autonom fahrenden Trucks sollten dazu führen, dass diese Fahrzeuge in der auf Effizienz ausgerichteten Logistikbranche starke Absatzzahlen erzielen werden.

Im Bereich der vollelektrischen Fahrzeuge hat BMW (Bayerische Motoren Werke AG (DE0005190003)) mit der hauseigenen „i“-Marke unter den deutschen Automobilproduzenten eine Vorreiterrolle übernommen. Dennoch kündigte das BMW-Vorstandsmitglied Klaus Fröhlich in einem Interview mit Reuters kürzlich an, dass man den strategischen Fokus dieser Sparte umdefiniert hat. Ein Grund hierfür könnte der relativ schleppende Absatz der Fahrzeuge sein. So verkaufte sich das kleinere, auf eine breitere Zielgruppe ausgerichtete, Modell i3 im Jahr 2015 lediglich 25.000 Mal. Diese Zahl wirkt, auch mit dem Hintergrund des relativ hohen Fahrzeugpreises, im Vergleich zu den 370.000 Vorbestellungen für das Konkurrenzmodell von Tesla, ernüchternd. Der neue Fokus von BMW liegt zumindest für die nächsten Jahre auf einer stärkeren Entwicklung der autonomen Komponenten in den i-Modellen.

Vor diesem Hintergrund ging BMW vor wenigen Tagen eine große strategische Kooperation mit dem Chipproduzenten Intel und dem israelischen Unternehmen Mobileye ein. Mobileye (MobilEye (NL0010831061)) entwickelt Komponenten und Systeme zur Unfallvermeidung in autonomen Fahrzeugen und beliefert in diesem Bereich auch Tesla. Die Radarsysteme und Sensorik sollen im Rahmen dieser Kooperation von Mobileye geliefert werden, die Chipsätze zur Verarbeitung der Daten sollen von Intel beigesteuert werden. Gerade für das Unternehmen Intel (Intel Corp (US4581401001)), welches in seinem Kernmarkt der PC-Komponenten mit rückläufigem Marktwachstum zu kämpfen hat, stellt diese Zusammenarbeit eine große Chance für weiteres Wachstum als Zulieferer der Automobilbranche dar. Das ehrgeizige Ziel des Projekts ist eine Serienfertigung komplett selbstfahrender Autos bis zum Jahr 2021. Wahrscheinlich werden die ersten Ergebnisse der neuen strategischen Ausrichtungen bereits in das angekündigte Modell i6 einfließen. Der i6 soll in seinem Segment eine Konkurrenz zum Model X von Tesla darstellen. Nach momentaner Einschätzung von Experten wird das SUV jedoch zunächst als Hybridfahrzeug auf den Markt kommen und eine Reihe neuer Assistenzsysteme besitzen. Die Einführung eines neuen vollelektrischen Fahrzeugs wird vor dem Jahr 2021 aus dem Hause BMW zunächst nicht erwartet.

Der VW-Konzern (Volkswagen AG (DE0007664005)) stand zuletzt in der Abgasaffäre um die Manipulation seiner Dieselmotoren negativ im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit. Insbesondere in den USA dürfte das Markenimage erheblichen Schaden genommen zu haben. Um diesem Effekt entgegen zu wirken, verstärkte Volkswagen kürzlich seine Bemühungen in den Bereichen Digitalisierung und autonomes Fahren, auch um das eigene Konzernimage wieder mit positiven Attributen wie beispielsweise Innovationsfähigkeit aufzuladen. Aus diesem Grund wurde vergangenes Jahr das neue Vorstandsressort „Digitalisierung“ geschaffen. Zur Besetzung dieses Postens warb man Johann Jungwirth von Apple ab. Jungwirth hatte vor seiner Zeit bei Apple das Forschungsprogramm der Daimler AG im Bereich des autonomen Fahrens im Silicon Valley geleitet. Darüber hinaus verstärkt VW auch die Entwicklungsarbeit hinsichtlich vollelektrischer Fahrzeuge.

Volkswagen möchte bis spätestens 2020 Automobile auf den Markt bringen, welche auf Autobahnen vollautomatisch fahren können. Dabei kann der Konzern offensichtlich auf Unterstützung aus der Politik hoffen. Kürzlich kündigte der niedersächsische Wirtschaftsminister Olaf Lies ein Testdreieck auf den Autobahnen A2 und A7 zwischen den Städten Hannover, Salzgitter und Braunschweig an. In diesem Areal, welches hauptsächlich von Volkswagen und Continental betrieben werden soll, wird der Testbetrieb von automatisierten Fahrzeugen durch den Ausbau der Strecke mit Radarsensoren ermöglicht, welche die Verkehrsdichte, das Tempo und die Abstände der Autos messen sollen. Beim Ausbau dieser Art von Strecken, in Bayern wurde bereits ebenfalls auf der A9 eine solche Strecke eingerichtet, ist der Chipproduzent Infineon (Infineon Technologies AG (DE0006231004)) wesentlich beteiligt. Das Unternehmen lieferte unter anderem die Sensor-Chips für die bayrische Strecke und sollte in Zukunft von Folgeaufträgen profitieren.

Volkswagen investierte zudem kürzlich 300 Millionen US-Dollar in den Fahrdienst-Vermittler Gett. Durch diese Beteiligung verstärkt der Konzern seine Bemühungen bei den Mobilitätsdienstleistungen. Das langfristige Ziel liegt hier wohl auf der Entwicklung eines Mobilitätsanbieters mit teilautonomen oder autonomen Fahrzeugen.

Abschließend lässt sich feststellen, dass alle großen deutschen Automobilkonzerne ihre Bemühungen zum autonomen Fahren in der jüngeren Vergangenheit stark intensiviert haben. Für Mercedes-Benz liegt insbesondere ein großes Wachstumspotential in der LKW-Sparte. Diese Technik ist bereits heute nah an der Serienreife. Sobald die gesetzlichen Rahmenbedingungen hinsichtlich des autonomen Fahrens angepasst werden, sollte die Technologie schnell Verbreitung finden. Das Plus an Sicherheit und Effizienz sollte den Gesetzgebungsprozess zudem positiv beeinflussen. BMW hat sich durch die strategische Allianz mit den jeweils führenden Unternehmen aus den Bereichen Sensorik und Chipsätzen in eine gute Ausgangslage gebracht, die weitere Entwicklung der i-Modelle sollte interessant zu verfolgen sein. Insbesondere die Aktie von Mobileye könnte hier ein interessantes Investment darstellen, da sich das Unternehmen nun nach Tesla bereits einen zweiten großen Partner gesichert hat und sich in diesem Segment immer mehr als Marktführer herauskristallisiert. Für Volkswagen spricht vor allem auch die Größe des Konzerns. Die benötigten Systeme müssten für die zwölf Untermarken jeweils nur einmal entwickelt werden. Der plattformübergreifende Einsatz in einer Vielzahl von Modellen und Märkten sollte für eine rasche Verbreitung der VW-Technik auf diesem Feld sorgen, sobald die Systeme serienreif sind. 


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