Analyse Aktien CRISPR Genveränderung

Biosimilars – Aufbruchsstimmung?

Ein Beitrag von Squid 39 26.02.2014

In den nächsten Jahren verlieren biotechnologisch hergestellte Präparate mit einem Umsatz von über 100 Milliarden Dollar ihren Patentschutz. In diese Lücke stoßen jetzt Biosimilars vor. Derzeit kommen nachgeahmte Biopharmaka nur auf einen verschwindend geringen Jahresumsatz von gut 180 Millionen Dollar. Medizinexperten und Marktforschungsinstitute sagen aber für das Jahr 2015 bereits einen Umsatz von 3,5 Milliarden Dollar voraus; 2020 sollen sich die weltweiten Erlöse gar auf 20 Milliarden Dollar belaufen.
 
Merck KGaA
 
 
Novartis Inc
 
 
Lonza Group AG
 
 
Teva Pharmaceutical Industries ...
 
 
Formycon AG
 
 
Biogen Idec Inc
 

Was sind Biopharmazeutika und Biosimilars?

Ursprünglich wurden Biopharmazeutika durch Extraktion aus tierischem oder menschlichem Gewebe gewonnen. Nachfolgend gelang es, menschliche Erbinformationen, also Gene, in Bakterien, Hefepilze oder Säugetierzellen zu übertragen und so Zelllinien, also DNA-Klone, für die Produktion zu erzeugen. Dies ist bis heute die etablierte Herstellungsmethode menschlicher Proteinarzneimittel. In kleinen Bioreaktoren beginnt die Anzucht der Zelllinien, die hierzu in einer Nährlösung gelagert werden. Dieser Prozess nimmt unterschiedlich viel Zeit in Anspruch. E.coli-Bakterien etwa teilen sich alle 20 Minuten, während beispielsweise Säugetierzellen dies nur einmal in 24 Stunden tun.

Während der anschließenden Fermentierung produzieren die Organismen nun die gewünschten Wirkstoffmoleküle. Dazu wechseln die Zellen mehrfach die Fermenter und werden in immer größere Tanks umgeschüttet. Anschließend muss das Zielprotein in einem Reinigungsprozess vom übrigen Material getrennt und "geerntet" werden. Im Idealfall verlässt das Protein die Zelle und wird durch Zentrifugieren oder Filtration separiert. In allen anderen Fällen muss die Zellmembran zuvor aufgebrochen werden. In Tanks mit 1.000 bis 15.000 Litern Fassungsvolumen entstehen so beispielsweise über mehrere Wochen oder sogar Monate hinweg Kilogramm-Mengen an Wirkstoff. Dieser wird abschließend in die zur Verabreichung fertige Formulierung gebracht und das Präparat abgepackt.

Biopharmazeutika sind also komplexe Wirkstoffe relativ großer Molekülmasse, die aus lebenden Zellen gewonnen werden.

Ein Biosimilar ist ein biotechnologisch erzeugter, Protein-basierter Nachahmerarzneistoff, der nach Ablauf der Patentzeit eines Originalwirkstoffes (Biopharmazeutika) zugelassen wird. Dabei werden die neuen Arzneimittel mithilfe gentechnisch veränderter Organismen hergestellt. Heute zählen sieben der zehn weltweit umsatzstärksten Medikamente zu den Biopharmazeutika. Die neuen Nachahmerpräparate heißen Biosimilars, weil sie mit dem Original nicht völlig identisch sind, sondern nur sehr ähnlich. Der Aufwand für die Unternehmen lohnt sich aber: So müssen die Biosimilars nur in zwei statt in drei Studienphasen am Mensch getestet werden. Zudem erhalten die Nachahmer die Zulassung für alle zuvor genehmigten Anwendungsgebiete. Ein weiterer Vorteil sind sicherlich auch die Entwicklungskosten. Während die Neuentwicklung eines Biopharmazeutikums ein bis zwei Milliarden Dollar kostet, lässt sich ein Biosimilar bereits für 80 bis 200 Millionen Dollar auf den Markt bringen.

Was bringt die Zukunft?

Biosimilars werden im Medikamentenmarkt eine immer größere Rolle spielen; darin sind sich die Experten einig. Die Umsätze der Pharmaunternehmen mit Biopharmazeutika, den Referenzsubstanzen der Biosimilars, haben jahrelang beständig zugenommen. Alleine in Deutschland erhöhten sie sich zuletzt jährlich um etwa sechs Prozent. In den nächsten Jahren werden außerdem Patente für einige der bestverkauften Biopharmazeutika frei, wie z.B.:

Herceptin: Ein Antikörper, der bei bestimmten Formen von Brust- und Magenkrebs verwendet wird.

Erbitu (auch Cetuximab)x: Ein monoklonaler Antikörper gegen den Epidermalen Wachstumsfaktor-Rezeptor, der in der Onkologie zur Krebsimmuntherapie eingesetzt wird.

Humira (Adalimumab): Ein monoklonaler Antikörper gegen den Tumornekrosefaktor (TNF). Es gilt mit knapp 1000 Euro pro Dosis als eines der weltweit teuersten und erfolgreichsten Medikamente.

Hier sprechen die Experten jetzt von der sogenannten zweiten Generation der Biotech-Similars. Heilstoffe mit monoklonalen Antikörpern, deren Patentschutz zwischen 2014 – 2020 ausläuft.

Es geht aber nicht nur um die geringeren Entwicklungskosten bei Biosimilars (s.o.) und den damit einhergehenden Umsatzsteigerungen der Unternehmen, sondern auch um die Ersparnisse für die Gesundheitssysteme, die die Verbreitung und Zulassung der Präparate forcieren werden. Bis zum Jahr 2020 können mit dem Einsatz von Biosimilars laut einer Erhebung des IGES Institut aus dem Jahr 2008 in einem Gesamtzeitraum von 12 Jahren in Deutschland rund 8 Milliarden Euro eingespart werden. Die freiwerdenden Ressourcen wiederum könnten beispielsweise dafür genutzt werden, dass noch mehr Menschen Zugang zu innovativen Therapien erhalten. In Zukunft werden biosimilare monoklonale Antikörper eine wichtige Rolle bei der finanziellen Entlastung der Gesundheitssysteme spielen.

 

Welche Unternehmen bereiten sich vor?

 

Formycon (ISIN Formycon AG (DE000A1EWVY8)) ist eine bei München ansässige Gesellschaft mit gut 15 Jahren Erfahrung in der Entwicklung von Biosimilars. Im Dezember gab das Unternehmen bekannt, das es ein lukratives Abkommen für ihr erstes Biosimilar Produkt mit der Santo Holding GmbH abgeschlossen hat. Die Übereinkunft sieht vor, dass die Santo Holding die Verantwortung und die Kosten für die gesamte Weiterentwicklung, Herstellung sowie Vermarktung des biopharmazeutischen Präparates übernimmt. Die Produktentwicklung bis zur Zulassung bleibt in der Obhut von Formycon.  Der Plan des Managements sieht vor, dass bis Ende 2015 zwei Wirkstoffe bereits in der klinischen Phase I (Untersuchung mit gesunden Menschen) abgeschlossen sein sollen. Das würde bedeuten, dass die Wirkstoffe in fünf bis sechs Jahren auf den Markt kommen. Das Marktvolumen des Originals soll, wie zu hören ist, bei fünf Milliarden Euro im Jahr liegen.

 

Die Novartis AG (ISIN Novartis Inc (CH0012005267)) ist ein weltweit tätiger Pharmakonzern. Die Generika-Division Sandoz des Pharma-Konzerns Novartis beginnt im Dezember 2013 mit klinischen Studien der Phase III (Untersuchung mit vielen Kranken Menschen) für ein Biosimilar zum Originalmedikament Humira (Adalimumab) von AbbVie. Das Medikament wird zur Behandlung von Autoimmunerkrankungen wie rheumatoider Arthritis, der Hautkrankheit Psoriasis und der chronisch-entzündlichen Darmerkrankung Morbus Crohn eingesetzt. Sandoz beginne damit die achte Phase-III-Testreihe mit insgesamt sechs Biosimilar-Kandidaten, teilt Novartis mit. Mit der nun begonnenen klinischen Studie soll die Gleichwertigkeit des Nachahmerpräparats gegenüber Humira bei Patienten mit mittelschwerer bis schwerer Psoriasis gezeigt werden, heißt es weiter. Die Tests würden in zwölf Ländern in Europa und Asien sowie in den USA durchgeführt. Sandoz ist nach eigenen Angaben weltweit führend im Biosimilar-Markt mit einem Marktanteil von über 50% bei den zugelassenen Produkten in den USA, Kanada, in Europa, Japan und Australien.

 

Teva Pharmaceutical Industries (ISIN Teva Pharmaceutical Industries Ltd (US8816242098)) ist ein eigentlich auf Generika Spezialisiertes Unternehmen, welches 2010 den seinerzeit größten Generika Hersteller Deutschlands Ratiopharm gekauft hat. In diesem Wachstumsmarkt zählt Teva zu den Pharmaunternehmen mit dem größten Potenzial. Schon seit vielen Jahren entwickelt und produziert Teva biotechnologische Folgeprodukte bzw. Biosimilars mit neuen innovativen Wirkansätzen. Anfang 2009 hatte das Unternehmen in der Schweiz selbst ein G-CSF-Biosimilar auf den Markt gebracht. Dieses Tevagrastim ist mit Ratiograstim identisch und stammt wie dieses aus den zu Teva gehörenden Anlagen des litauischen Auftragsproduzenten SICOR. Noch komplexer ist der Herstellungsprozess von Antikörpern, mit denen sich Unternehmen wie Teva den ganz großen Durchbruch im Biosimilar-Geschäft erhoffen. Dazu gehört Rituximab, ein chimärer Antikörper gegen das CD20-Oberflächenantigen, der zur Therapie von malignen Lymphomen und rheumatoider Arthritis eingesetzt wird und über sechs Milliarden Dollar Umsatz jährlich erzielt. In Europa, wo es als MabThera vermarktet wird, verliert Rituximab 2014 den Patentschutz. Auf dieses Zieldatum hin führt Teva bereits klinische Studien zur Behandlung von Non-Hodgkin-Lymphomen und rheumatoider Arthritis mit seiner eigenen Version des Antikörpers durch. Um für die Produktion dieses - im Falle seiner Zulassung - ersten „Follow-on"-Antikörpers vorbereitet zu sein und eine führende Position im zukünftigen Biosimilar-Markt zu behaupten, ist Teva eine strategische Partnerschaft mit der schweizerischen Lonza Group, dem weltweit größten Unternehmen für die Auftragsproduktion von Biopharmazeutika, eingegangen.


Lonza (ISIN Lonza Group AG (CH0013841017)) gehört zu den weltweit führenden Produzenten von pharmazeutischen Wirkstoffen sowohl im chemischen wie auch biotechnologischen Bereich. Zum weiteren Angebot gehören Zwischenprodukte für den Nahrungs- und Agrarbereich. Als Zulieferer versorgt die Gruppe die Pharma-, Gesundheits- und Life Science-Industrie und ist in den Bereichen Wasseraufbereitung, Körperpflege, Gesundheit, Hygiene, industrielle Konservierung, Materialschutz sowie Holzbehandlung aktiv. Das Portfolio umfasst dabei Moleküle, Peptide, Aminosäuren sowie Nischenerzeugnisse von Bioprodukten, die eine wichtige Rolle in der Entwicklung neuartiger Arzneimittel und Gesundheitsprodukte spielen.

 

Merck KGaA (ISIN Merck KGaA (DE0006599905)) Der Pharma- und Spezialchemiekonzern Merck setzt im Wachstumsmarkt Brasilien auf das Geschäft mit Nachahmern von lukrativen Biotech-Arzneien. Merck hat im November eine Vereinbarung mit den brasilianischen Firmen Bionovis, Fiocruz und Instituto Vital Brazil zur Produktion von sechs Biotech-Nachahmerarzneien gegen Arthritis und Krebs für den brasilianischen Markt geschlossen, wie ein Konzernsprecher bestätigte. Bei den Nachahmern für das lateinamerikanische Land handelt es sich nach Angaben des brasilianischen Gesundheitsministeriums um Biosimilars der umsatzstarken Krebsmedikamente Avastin, Rituxan/MabThera und Herceptin von Roche. Auch ein Nachahmer des Krebspräparats Erbitux ist dabei. Dazu kommen Kopien der Arthritis-Medikamente Remicade von Johnson & Johnson (J&J) und Merck & Co sowie Enbrel von Amgen. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums ist auch der Bau einer Produktionsfabrik Teil der Vereinbarung. Mit den Originalpräparaten wurden zuletzt weltweit Milliarden umgesetzt. Die Vereinbarung erstreckt sich zunächst über einen Zeitraum von fünf Jahren. In dieser Zeit garantiert die brasilianische Regierung die Abnahme der Medikamente für das brasilianische Gesundheitssystem.

 

Biogen Idec Inc.  (ISIN Biogen Idec Inc (US09062X1037)) zählt zu den international führenden und ältesten Biotech-Unternehmen. Kerntätigkeit ist die Herstellung von gentechnisch produzierten Medikamenten, die in der Humanmedizin, speziell in den Bereichen Onkologie, Neurologie und in der Dermatologie zum Einsatz kommen. Vorrangig erforscht das Unternehmen biologische Systeme und Prozesse in den Bereichen Molekularbiologie, Zellbiologie, Immunologie und Protein-Biochemie. Im Dezember 2013 gab das Unternehmen bekannt, dass ein Joint-Venture Projekt mit Samsung Bioepis geschlossen wurde. Es geht um die Entwicklung eines Anti-TNF Biosimilars welches bei rheumatischer Arthritis und Morbus Crohn zum Einsatz kommt. Die Entwicklung wird bei Biogen liegen, während Samsung die Vermarktung übernehmen wird. Erst im April 2013 gab Samsung Bioepis bekannt, dass es in Zukunft 2 Mrd. Dollar in Biosimilars investieren will.

 

Fazit

Mit Sicherheit ein spannendes Thema. Es sollte noch Angemerkt sein, dass die Biosimilars gewissen Standards entsprechen müssen, um zugelassen zu werden. Die höchsten Ansprüche an die „similarität“ des Heilstoffes stellt hier momentan das japanische Ministerium für Gesundheit, Arbeit und Soziales. Gefolgt von der europäischen EMA (European Medicines Agency) und der FDA (US Food and Drug Administration). Was also bedeutet, dass ein Biosimilar in der Entwicklung gleich den höchsten Anforderungen gerecht sein sollte, um auf dem weltweiten Markt Erfolg zu haben.

Deswegen schließe ich diesen Report mit den für Entwickler berühmten Satz: „Es ist schwieriger ein Biosimilar zu entwickeln als eine New Biological Entity (NBE). Zum einen liegt das am relativ engen ‚Design Space‘, der vom Innovator vorgegeben wird und getroffen werden muss. Dabei handelt es sich nicht nur um einen Parameter. Allein bei der gesamten Proteincharakterisierung sind es aus analytischer Sicht bis zu 40 Parameter, die man innerhalb eines engen Fensters treffen muss. Man wird dies nie im Sinne eines Biogenerikums erfüllen können. Und damit gibt es immer einen gewissen Ermessensspielraum. Wie dieser aussieht, entwickelt sich dann teilweise mit der Behörde in Form von ‚scientific advices‘ und in Form von Rückfragen“

 

Über Anregungen und zu Beiträgen zu dem Thema würde ich mich freuen.

 


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