Analyse Aktien Eisenbahn

Zugproduzenten: Marktkonsolidierung durch neue Konkurrenz?

Ein Beitrag von Mr. Dow 0 19.02 - 13:52

Im Zusammenhang mit der Klimadebatte ist der Zugverkehr derzeit ein häufig angesprochenes Thema. Aber auch innerhalb der Branche der Zugproduzenten gibt es derzeit erhöhten Gesprächsbedarf, der Markt könnte auf eine Konsolidierung zusteuern. Wie sieht die aktuelle Lage bei einigen der wichtigsten Eisenbahnproduzenten aus?
 
CRRC Corporation Ltd
 
 
Alstom SA
 
 
Siemens AG
 

Die Branche der Zughersteller wurde im vergangenen Jahr durch die Fusionsgespräche zwischen Alstom und dem Siemens-Konzern aufgerüttelt. Durch diesen Zusammenschluss wäre auf dem Markt der Zugproduzenten ein neuer, zentraler Großproduzent entstanden. Letztlich wurde die angestrebte Fusion durch die Europäische Kommission aufgrund von Wettbewerbsbedenken untersagt. Dies tut weiteren Verhandlungsgesprächen zwischen den Marktteilnehmern jedoch keinen Abbruch. Es scheint, als stünde der Markt vor einer Restrukturierung. Der Schienenverkehr wird in Zeiten der Klimadebatten und überlasteter Straßennetze immer wieder als möglicher Lösungsansatz ins Gespräch gebracht. Die Grundlagen hierfür sollen nun durch Infrastrukturprojekte geschaffen werden. Während Deutschland in den vergangenen Jahren bezüglich seines Investitionsvolumens innerhalb der EU auf den hinteren Plätzen vertreten war, gab die Bundesregierung für das anstehende Jahrzehnt kürzlich neue Rekordinvestitionen in Höhe von 86 Milliarden Euro bekannt. Auch wenn es Kritik gibt, dass die angepeilten Aufwendungen in ihrem Umfang nach wie vor zu gering ausfallen, dürften durch die starke Erhöhung des bisherigen Engagements dennoch positive Folgen zu beobachten sein. Auch innereuropäisch wird derzeit an einer Infrastrukturerweiterung auf der Schiene gearbeitet. In Tirol wird etwa der Brenner Basistunnel gebaut, das Projekt läuft bereits seit 10 Jahren. Dieser Bau, der derzeit das größte europäische Eisenbahnprojekt darstellt, ist Teil des Scan-Med Korridors. Der Korridor, welcher sich von Skandinavien durch die Alpen bis nach Süditalien erstreckt, soll zukünftig eine zentrale Ader des Güterverkehrs in der Europäischen Union bilden und für steigende Anteile des Schienenverkehrs im Güterbereich verantwortlich sein. Auch wenn die vollumfänglichen Effekte der Infrastrukturinvestitionen aufgrund des Umfangs der Bauprojekte noch einige Jahre auf sich warten lassen könnten, so könnte der Markt der Zughersteller dennoch profitieren. Laut einer Studie des Statistikportals „Statista“ sollen sich die globalen Umsätze im Schienenverkehr im Dreijahreszeitraum von 2021 bis 2023 auf durchschnittlich 125 Milliarden Euro belaufen. Für den aktuellen Zeitraum, 2018 bis 2020, prognostiziert man noch einen Jahresdurchschnitt von lediglich 114 Milliarden Euro. Die politische Unterstützung, verbunden mit den Bemühungen im Infrastrukturbau, könnten den Markt der Schienenproduzenten auch für Anleger interessant werden lassen. Die Situation von Siemens und Alstom soll daher im Folgenden beleuchtet werden. Darüber hinaus wird auch ein Blick auf das chinesische Unternehmen CRRC geworfen, welches zunehmend auf die internationalen Märkte drängt.

Siemens AG (DE0007236101)

Siemens-Chef Joe Kaeser musste, nach monatelangen Verhandlungen und des Abschlusses einer grundsätzlichen Fusionsvereinbarung mit Alstom, letztlich ein Veto der EU-Kommission hinnehmen. Auch wenn Kaeser für die Zukunft weitere Bemühungen hinsichtlich einer Fusion ankündigte, so bleibt das Zuggeschäft des Siemens-Konzerns bis auf Weiteres eigenständig. In Bezug auf diesen Geschäftszweig war das EU-Veto im vergangenen Jahr aber eine von wenigen negativen Nachrichten. Bei Siemens Mobility überwogen im Jahr 2019 die positiven Meldungen. Bereits in den vergangenen Jahren konnte der Unternehmensbereich für den Schienenverkehr ein stetiges Wachstum aufweisen. Hatte der Gesamtumsatz im Jahr 2013 noch bei 5,82 Milliarden Euro gelegen, so konnte das Management für das Geschäftsjahr 2018 einen Wert von 8,76 Milliarden Euro verkünden. Aufgrund des Verlaufs des vergangenen Jahres gab man sich zuletzt optimistisch, diesen Trend auch bei der Verkündung der Zahlen für das Geschäftsjahr 2019 beibehalten zu können. Bei Siemens Mobility überwogen im Jahr 2019 die positiven Meldungen. Bereits in den vergangenen Jahren konnte der Unternehmensbereich für den Schienenverkehr ein stetiges Wachstum aufweisen. Hatte der Gesamtumsatz im Jahr 2013 noch bei 5,82 Milliarden Euro gelegen, so konnte das Management für das Geschäftsjahr 2018 einen Wert von 8,76 Milliarden Euro verkünden. Dieser Trend konnte auch 2019 durch Umsatzerlöse in Höhe von 8,92 Milliarden Euro beibehalten werden. Im Juni etwa konnte man einen neuen Großauftrag aus Russland bekannt geben. Das Geschäft beläuft sich auf ein Gesamtvolumen von 1,1 Milliarden Euro und sichert dem Konzern zudem Wartungs- und Instandhaltungsverträge über die kommenden 30 Jahre. Konkret umfasst die Bestellung der russischen Eisenbahn, kurz RZD, die Abnahme von 13 Hochgeschwindigkeitszügen für den Fernverkehr. Einen Monat später bestellte die Stadt München 73 neue Straßenbahnen. Ab 2021 soll hier eine Auslieferung erfolgen, insgesamt beläuft sich dieser Vertrag auf ein Gesamtvolumen von mehr als 200 Millionen Euro. Im gleichen Monat konnte zudem ein Großauftrag für die Deutsche Bahn weiterverfolgt werden. Aufgrund fehlerhafter Schweißnähte durch den Zulieferer Bombardier hatte die Bahn den Auftrag über die Auslieferung von ICEs der vierten Generation für mehrere Monate gestoppt. Nach erfolgreicher Problemlösung konnte jedoch auch dieser Auftrag weiterbearbeitet werden, welcher mit einem Volumen von mehr als 6 Milliarden Euro wichtige Umsätze ermöglicht. Bis zum Jahr 2023 sollen nun monatlich ein bis zwei der neuen ICE ausgeliefert werden. Die Auftragsbücher konnten im vergangenen Jahr gut gefüllt werden. Allein im zweiten Quartal des Jahres konnte Siemens Mobility beispielsweise 45 Prozent mehr Neuaufträge abschließen als im Vorjahreszeitraum, in diesem Quartal belief sich der Wert der Neugeschäfte auf eine Summe von 3,52 Milliarden Euro. Investoren sollten nun das weitere Verfahren der Konzernspitze mit der Zugsparte beobachten. Grundsätzlich sind mehrere Optionen in diesem Zusammenhang denkbar. Wie eingangs erwähnt, sind die Fusionsbestrebungen mit Alstom noch nicht gänzlich verworfen, die Verhandlungen zwischen beiden Parteien und mit der EU-Kommission könnten im Hintergrund weiterbetrieben werden. Auch ein Börsengang von Siemens Mobility wäre zukünftig möglich. In diesem Szenario könnten Anleger wesentlich direkter an den sparteninternen Entwicklungen partizipieren. Zunächst könnte die Geschäftsstruktur jedoch im aktuellen Modell verbleiben, als Sparte des Gesamtkonzerns. Sollte sich die positive Geschäftsentwicklung fortsetzen, wäre ein Börsengang der Einzelsparte für Anleger sicherlich eine interessante Alternative.

Alstom SA (FR0010220475)

Den weiteren Bemühungen seitens Siemens könnte Alstom, durch den Abschluss mit einem weiteren Großanbieter im Zuggeschäft, zuvorkommen. Der kanadische Bombardier-Konzern könnte seine defizitäre Zugsparte mit Alstom verschmelzen. Nach einer Halbierung seiner Gewinnprognose für das laufende Jahr stieg der Kurs der Aktie nach Bekanntwerden der Verhandlungen wieder etwas. Wie zuvor beim Siemens-Deal steht jedoch auch in diesem Fall, bei erfolgreichen Verhandlungen, eine Prüfung durch die europäischen Behörden aus. Alstom scheint eine Ausweitung seiner Produktionskapazitäten und die damit einhergehenden Skaleneffekte aggressiv zu verfolgen, um sich vor der neuen chinesischen Konkurrenz durch CRRC zu schützen. Die aktuellen Probleme Bombardiers scheint man vor diesem Hintergrund temporärer Natur einzuschätzen. In der Tat entstand dem kanadischen Produzenten durch oben genannte Produktionsprobleme beim ICE 4, für den man die Wagenkästen produziert und an Siemens liefert, sowie durch ein fehlerbehaftetes Projekt in London ein Defizit in Höhe von etwa 350 Millionen US-Dollar. Zumindest die Probleme hinsichtlich der ICE-Produktion konnten bereits beseitigt werden. Ähnlich wie Siemens Mobility konnte auch Alstom im restlichen Verlauf des Jahres 2019 ein hohes Auftragsvolumen verzeichnen. Im vierten Quartal gelang durch Aufträge aus Frankreich, Großbritannien und Australien ein Auftragseingang in Höhe von 3,6 Milliarden Euro. Im Vergleich zum Vorjahr steigerte man diesen Wert um 5 Prozent. Beim Auftragsbestand konnte man hierdurch einen neuen Rekordstand von rund 43 Milliarden Euro verbuchen, obwohl man in den ersten drei Quartalen mit 8,2 Milliarden Euro Auftragseingang rund 22 Prozent unter dem Wert des Jahres 2018 gelegen hatte. Durch einen kanadischen Großauftrag fiel der Wert des Jahres 2018 jedoch auch ungewöhnlich hoch aus, der Gesamttrend der steigenden Auftragseingänge bleibt grundsätzlich intakt. Für Investoren sollte der weitere Auftragseingang des Unternehmens dennoch von Interesse sein. Aktuell zeichnet sich eine Tendenz hin zu einem Übergewicht an Zugbauaufträgen heraus. Das Netz- und Systemgeschäft hat sich in der Vergangenheit, im Vergleich mit der Produktion von Zügen, jedoch als profitabler erwiesen. Um künftig nicht mit Abstrichen hinsichtlich der eigenen Profitabilität rechnen zu müssen, sollten neue Aufträge in der Systemsparte gewonnen werden.

CRRC Corporation Ltd (CNE100000BG0)

Zu den Konsolidierungsbestrebungen in der Branche könnte der chinesische Konzern CRRC beigetragen haben, den es in der jüngeren Vergangenheit immer mehr auch in internationale Märkte zieht. CRRC ist die Abkürzung für „China Railway Rolling Corporation“, des derzeit weltweit größten Herstellers von Schienenfahrzeugen. Das Unternehmen sitzt in Peking und beschäftigt knapp 200.000 Mitarbeiter, der Gesamtumsatz beläuft sich auf circa 18 Milliarden Euro. In Europa sorgte der Konzern Mitte des vergangenen Jahres für Aufsehen, als man die Absicht bekannt gab, die Unternehmenssparte für Dieselloks des deutschen Herstellers Vossloh zu übernehmen. Durch dieses Geschäft erhofft sich der chinesische Konzern zukünftig einen besseren Zugang zum europäischen Markt. Der streng reglementierte deutsche Markt soll von nun an durch die erfahrenen und gut vernetzten Mitarbeiter der Vossloh-Sparte bearbeitet werden. Zudem besitzt CRRC nun ein Werk zur Endfertigung innerhalb Europas, während man die Vorfertigung weiterhin, mit Kostenvorteilen, in den heimischen Werken durchführen könnte. Gerade bei Ausschreibungen von kleineren Kommunen und öffentlichen Auftraggebern, welche oftmals Kostenzwängen unterliegen, wird CRRC somit zu einer interessanten Alternative. Aber auch auf dem heimischen Markt findet CRRC derzeit ausgezeichnete Rahmenbedingungen vor. Die chinesische Regierung plant einen Ausbau des Hochgeschwindigkeitsnetzes von derzeit 25.000 Kilometer auf etwa 38.000 Kilometer bis zum Jahr 2025. China möchte im Fernverkehr statt des Flugverkehrs verstärkt auf Fernzüge setzen. Für CRRC könnte dies in den kommenden Jahren auch weiterhin starke inländische Wachstumspotenziale eröffnen. Auch technologisch befindet sich der chinesische Konzern mittlerweile auf einem ähnlichen Niveau wie die westliche Konkurrenz. Bereits im laufenden Jahr soll die neue Generation des Zuges „Fuxing“ ausgeliefert werden, dieser soll mit Spitzengeschwindigkeiten jenseits der 400 km/h den Zügen der europäischen und nordamerikanischen Mitbewerber davonfahren. Eine chinesische Version des Transrapids soll zukünftig sogar Geschwindigkeiten von mehr als 600 km/h erreichen. Darüber hinaus stehen die chinesischen Fernzüge bezüglich des Komforts den Konkurrenten ebenfalls nicht mehr nach. CRRC exportiert seine Produkte mittlerweile in mehr als 100 Länder. Auch wenn derzeit noch rund 90 Prozent des Gesamtumsatzes auf dem inländischen Markt erzielt wird, so zeigen die Bemühungen auf dem europäischen Markt und die Fortschritte in Nordamerika, dort stattet man inzwischen erste Kommunen und Städte mit Straßenbahnen aus, dass zukünftig auf dem Weltmarkt mit dem Konzern zu rechnen sein wird. Insofern könnte sich die Aktie zukünftig auch als Alternative für den interessierten Anleger herausstellen. In diesem Zusammenhang sollten Interessenten die letztendliche Beurteilung und Genehmigung des Vossloh-Geschäfts durch die Kartellbehörden im Blick behalten.

 


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