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Indien: Biometrische Daten als Wachstumstreiber?

Ein Beitrag von tzimmer 8 17.05 - 15:08

Als das indische Aadhaar-System im April 2016 die Marke von einer Milliarde registrierter Nutzer überschritt, wurde es zum weltweit ersten staatlich etablierten Netzwerk, welches diese Größenordnung erreichte. Sowohl im staatlichen, als auch im Finanzsektor ergeben sich durch die mittlerweile fast vollständige Implementierung des Systems teils enorme Optimierungspotenziale. Aber wie sehen diese im Detail aus? Und lohnt sich für Anleger infolgedessen ein Investment in Indien?

Am 12. Juli vergangenen Jahres etablierte die indische Regierung die staatliche Behörde UIDAI („Unique Identification Authority of India“). Die Aufgabe dieser neuen Behörde umfasst die Zuteilung einer zwölfstelligen Identifikationsnummer namens Aadhaar an die gesamte indische Bevölkerung sowie die Abstimmung der Aadhaar-Daten mit weiteren Datenbanken und administrative Tätigkeiten im technischen Bereich. Die ursprünglich im Jahr 2009 eingeführte Aadhaar-Nummer setzt sich aus demografischen und biometrischen Daten von Personen zusammen, wobei die biometrischen Daten aus einem Bild, den zehn Fingerabdrücken sowie zwei Iris-Scans bestehen. Das komplette System geht auf einen Versuch der indischen Regierung zurück, vorhandene Probleme im Bereich der Identifikation von Staatsbürgern zu minimieren. Die Größe des Landes, das starke Bevölkerungswachstum und ein Mangel an technologischen Identifizierungsmechanismen trugen in der Vergangenheit wesentlich zu Ineffizienzen staatlicher Unterstützungs- und Entwicklungshilfen bei, insbesondere galt dies für ländliche Gebiete. Hierdurch kam es zu teilweise gravierenden Fehlallokationen staatlicher Mittel, zumeist aufgrund gefälschter oder doppelter Identitäten. Aadhaar-Nummern gelten dabei als offizielles Dokument innerhalb Indiens, auch wenn dieses Dokument alleine keine Bürgerrechte oder staatliche Zahlungsansprüche garantieren kann. Nicht nur im Hinblick auf Verwaltungs- und Zahlungsaufgaben des Staates, sondern auch für einige Wirtschaftssektoren könnte der neue Identifizierungsmechanismus wesentliche Erleichterungen im operativen Geschäft sowie neue Wachstumspotenziale bieten. Laut offiziellen Daten vom 31. März 2017 wurden bisher 1,13 Milliarden Aadhaar-Nummern zugewiesen, mit einer Zuteilungsquote von mehr als 99 Prozent bei den Erwachsenen könnte man das System zumindest in diesem Bereich als vollständig implementiert bezeichnen. Daher lohnt sich ein Blick in die kurz- bis mittelfristige Zukunft, in dessen Rahmen einerseits Verbesserungen im gesamtwirtschaftlichen Kontext interessant sind, andererseits aber auch der Bankensektor als exemplarisches Beispiel für Branchen mit wesentlichem Potenzial genauer betrachtet werden sollte.

Die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen kann man zunächst nach ihrer Quantifizierbarkeit in zwei Gruppen unterteilen. Zu den monetär schwierig zu bestimmenden Vorteilen zählen dabei hauptsächlich eine verbesserte Arbeitskräftemobilität sowie eine zunehmende finanzielle Inklusion der indischen Bevölkerung. Gerade in ersterem Fall könnte sich Aadhaar als enorm vorteilhaft für Arbeitnehmer auswirken. Aufgrund rückständiger Bürokratie waren Umzüge für viele indischen Bürger mit hohen Transaktionskosten verbunden. Vor allem Bürger, welche auf staatliche Unterstützung angewiesen sind, mussten durch langsame Umstellung der Koordination von Hilfen oft eine erhebliche Zeit ohne diese Mittel auskommen. In Indien könnte die schnellere Registrierung und Identifikation im Zusammenhang mit dem großen Wachstum des Arbeitnehmermarktes für einen erheblich effizienteren Arbeitsmarkt sorgen und somit das Wirtschaftswachstum beschleunigen. Zu den quantifizierbaren Vorteilen des Aadhaar-Systems kann man regierungsseitig vor allem die Optimierung der Zahlungssteuerung von staatlichen Subventions- und Unterstützungszahlungen zählen. Die durch Identifikations- und Authentifizierungsfehler verursachten Schäden waren in diesem Gebiet in der Vergangenheit enorm, vor allem durch ungerechtfertigte Auszahlungen an doppelt gemeldete oder real nicht existente Personen. Zum Einsatz kommt Aadhaar beispielsweise in Verbindung mit dem indischen „Public Distibution System“, kurz auch als PDS bezeichnet. Aufgabe dieses Systems ist die Versorgung bedürftiger Haushalte mit Getreide und Kerosin. Nach Erhebungen aus dem Jahr 2011 wurden hierdurch etwa 65 Millionen Haushalte unterstützt. Durch fehlerhafte Identifikation der Bedürftigen kam es hier jedoch zu erheblichen Fehlallokationen. Laut Schätzungen der indischen Regierung aus dem Jahr 2005 erreichten 58 Prozent des Getreides sowie 38 Prozent des Kerosins nicht tatsächlich bedürftige Personen. Ähnliche Probleme bestehen unter anderem im Zusammenhang mit dem „Mahatma Gandhi National Rural Employment Guarantee Scheme“. Im Rahmen dieses Programms soll garantiert werden, dass ländliche Haushalte zumindest 100 Arbeitstage im Jahr leisten können, welche in der Folge durch staatliche Gelder entlohnt werden. Aber auch hier führten doppelte Meldungen oder gefälschte Arbeitsnachweise zu Problemen. In vielen indischen Bundesstaaten erreichten laut Schätzungen der indischen Regierung weniger als 70 Prozent der Gelder den richtigen Arbeitnehmer. Eine Registrierung durch das Aadhaar-System soll auch in diesem Bereich in Zukunft zu einer deutlich verbesserten Zahlungssteuerung führen. Ähnlich gravierende Probleme bestehen auch in anderen wichtigen Bereichen, etwa bei der Steuerung von Subventionen im Bildungssektor oder der Vergabe von Bausubventionen an einkommensschwache ländliche Haushalte. Eine Eliminierung der hohen Verlustquoten in vielen dieser staatlichen Programme hätte möglicherweise sehr positive kurz- und langfristige Folgen für das gesamtwirtschaftliche Wachstum, vor allem durch Effekte wie eine höhere Kaufkraft ländlicher Haushalte oder einen verbesserten Bildungsstand der Bevölkerung durch bedarfsgerechte Unterstützung von Schülern aus einkommensschwachen Verhältnissen.

Insbesondere im Bankensektor ergeben sich durch Aadhaar zukünftig enorme Möglichkeiten. Momentan werden noch etwa 95 Prozent aller Privatausgaben innerhalb Indiens mit Bargeld getätigt. Das Marktpotenzial wird besonders anschaulich, wenn man betrachtet, dass selbst die verbleibenden 5 Prozent elektronischer Transaktionen rund 1,3 Billionen US-Dollar umfassen. Eine Besonderheit des indischen Marktes ist hierbei, dass dem Finanzsektor durch Aadhaar von staatlicher Seite aus eine Möglichkeit zur Identifizierung und Registrierung von Neukunden an die Hand gegeben wurde, für die keiner der einzelnen Wettbewerber Selbstkosten zur Etablierung aufwenden musste. Des Weiteren ist auffällig, dass ein Großteil des neu entstehenden Finanzsektors in Indien auf mobile Dienstleistungen und Online-Banking setzt und das klassische Filialgeschäft nur eine untergeordnete Rolle spielt. Die Credit Suisse schätzt eine zukünftige Marktkapitalisierung des indischen Bankensektors von 600 Milliarden US-Dollar als möglich ein, die momentane Marktkapitalisierung der Institute beträgt etwa 130 Milliarden Dollar. Als Haupttreiber dieses Potenzials könnte man vor allem die zunehmende Verfügbarkeit von Finanzdienstleistungen innerhalb Indiens für immer größere Bevölkerungsteile, aber auch durch Aadhaar herbeigeführte effizientere Neukunden-Registrierungen sowie risikoärmere Kreditvergaben durch eine verbesserte Überprüfung der individuellen Kreditwürdigkeit von Kunden nennen. Allerdings muss momentan aus Anlegersicht angemerkt werden, dass trotz des Wachstumspotenzials noch keine eindeutige Tendenz erkennbar ist, welches indische Kreditinstitut in welchem Umfang von den neuen Rahmenbedingungen profitieren könnte. Im mobilen Bereich hat die ICICI Bank die bisher erfolgreichste App entwickelt. Mit einem Downloadstand von weniger als fünf Millionen ist allerdings ersichtlich, dass sich im Vergleich zum Gesamtmarkt ein noch sehr geringer Sättigungsgrad erreicht ist und man hier noch nicht von signifikanten Marktanteilen sprechen kann. Darüber hinaus führt der Fokus auf die digitalen Aspekte des Bankings zu verringerten Markteintrittsbarrieren für ausländische Finanzinstitute. Ohne die notwendige langwierige und personalaufwändige Etablierung eines Filialgeschäfts könnte Indien schnell als attraktiver Markt wahrgenommen werden, was die internationale Konkurrenz in diesem Bereich stark erhöhen könnte. Daneben könnte der Markt des mobilen Zahlungsverkehrs auch von spezialisierten FinTechs oder beispielsweise Telekommunikationsunternehmen betreten werden. Die kommenden Jahre sollten für Investoren in diesem Bereich klarere Tendenzen hervorbringen.

Für Anleger könnte, zumindest in der näheren Zukunft, ein Investment in Produkte sinnvoll sein, welche das gesamtwirtschaftliche Wachstum Indiens besser abbilden als Einzelwerte. Hierzu könnten beispielsweise Fondsprodukte mit indischem Schwerpunkt zählen. Die potenziell erheblich verbesserte Zahlungssteuerung des indischen Staatswesens könnte sich bereits kurz- bis mittelfristig in höherem Wachstum niederschlagen. Währenddessen wird die zunehmende Entwicklung vieler Märkte, beispielsweise im Bankensektor, womöglich zukünftig bessere Einschätzungen zum Potenzial einzelner Unternehmen erlauben.


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