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Plastikvermeidung: Auch für Anleger eine Alternative?

Ein Beitrag von tzimmer 15 09.09 - 9:23

Derzeit beherrscht das Thema Plastikmüll wieder die Medien. Die weltweit weiter steigende Nachfrage nach Plastikprodukten verkommt ökologisch, auch aufgrund geringer Recyclingquoten, immer mehr zum Problem. Dabei beschäftigen sich Unternehmen und Forschungseinrichtungen längst mit Alternativen zu Plastik. Dieser Beitrag soll einen Überblick über Möglichkeiten zur Bekämpfung der „Plastikflut“ aufzeigen, mitsamt passender Investmentgelegenheiten.
 
Tomra Systems ASA
 
 
BASF SE
 

Die Menge an weltweit konsumiertem Plastik sowie dessen umweltschonende Entsorgung sind immer wieder Gegenstand öffentlicher Debatten. Die global weiter steigende Nachfrage nach Plastikerzeugnissen ist vor dem Hintergrund problematisch, dass sich Plastik nicht biologisch zersetzt und somit, auch im Szenario eines Zerfalls zu Mikroplastik, noch in Jahrhunderten existiert. Die starke Belastung der Weltmeere mit diesen Stoffen war schließlich mit einer der Hauptbegründungen für eine EU-Verordnung, welche ab dem Jahr 2021 die Nutzung und den Verbrauch von Einweg-Plastik einschränken soll. Im Zuge dieser Verordnung wird der Verkauf von ölbasierten Einweg-Plastikprodukten verboten, hierzu zählen unter anderem Convenience-Produkte wie Einwegbecher und -teller, Plastikstrohhalme oder Einweg-Kaffeebecher. Dieses Verbot könnte den Bedarf nach alternativen Produktionsmaterialien für diese Produktgruppen fördern und den Herstellern dieser Werkstoffe infolgedessen höhere Umsätze bescheren. Von einer solchen Entwicklung geht das Marktforschungsunternehmen „Markets & Markets“ derzeit aus. Laut einer Studie dieser Gesellschaft soll sich der globale Markt für Plastikersatzprodukte im Jahr 2023 auf bis zu 6,1 Milliarden US-Dollar belaufen, im vergangenen Jahr lag diese Summe noch bei circa 3 Milliarden US-Dollar. Die Dringlichkeit des Problems der Plastikentsorgung zeigt sich anhand folgender Zahlen: jährlich entstehen weltweit zusätzlich 260 Millionen Tonnen Plastikabfälle. Von den bis ins Jahr 2019 global produzierten 7 Milliarden Tonnen Plastikmüll wurden nur knapp 10 Prozent recycelt. Insbesondere Schwellenländern wird wiederholt ein problematischer Umgang mit diesen Abfällen vorgeworfen, häufig wird der Abfall in Wasserwegen entsorgt und gelangt somit in die Meere. In Anbetracht dieser Umstände soll im Folgenden ein Blick auf Plastikalternativen geworfen werden. Im Fokus stehen dabei auch Unternehmen, die Anstrengungen zur Entwicklung von Ersatzstoffen oder zur Wiederverwendbarkeit von Plastikabfällen anstellen. Könnten diese Investments für Anleger vor dem Hintergrund der Müllvermeidung in doppelter Hinsicht nachhaltig sein?

Eine erste Plastikalternative stellen die Polylactide, kurz PLA, dar. Durch Fermentation und Polymerisation von Milchsäure und Zucker entsteht dieser Stoff, der sich in einer Vielzahl von Produkten und Industrien einsetzen lässt und darüber hinaus vollständig recyclebar ist. Zu diesen Anwendungsfeldern zählen beispielsweise Verpackungsmaterialen, aber auch Fahrzeug- oder Maschinenkomponenten. Einer der Hauptakteure auf diesem Gebiet ist das niederländische Unternehmen Corbion. Dieser exakt 100 Jahre alte Konzern betätigt sich auf den Lebensmittel- sowie Biochemiemärkten und beliefert mit seinen Sparten die Lebensmittel-, Chemie- und Pharmazieindustrie. Die Geschäftsbasis bildet dabei derzeit noch das Geschäft mit Backprodukten. Die Unternehmensführung möchte Corbion aber in Zukunft wohl stärker auf die Themengebiete Plastikersatz und Umweltschutz ausrichten. So könnte man die jüngsten Entscheidungen interpretieren. Gemeinsam mit dem Total-Konzern eröffnete man Ende des vergangenen Jahres im thailändischen Rayong eine Produktionsstätte für PLA mit einer geplanten jährlichen Kapazität von 75.000 Tonnen, welche im Jahr 2023 erreicht werden soll. Die Bedeutung dieses Werks lässt sich einschätzen, wenn man beachtet, dass die globale Produktionskapazität hierdurch um knapp 50 Prozent steigen würde. Zuvor hatte sich diese lediglich auf rund 165.000 Tonnen belaufen. Im Falle eines Nachfrageschubs oder eines Marktwachstums in den kommenden Jahren könnte Corbion kurzfristig bedeutend profitieren. Das erste Halbjahr des Geschäftsjahres 2019 zeigte gemischte Resultate. Der Umsatz konnte im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zwar um 7,4 Prozent auf knapp 472 Millionen Euro gesteigert werden, das bereinigte EBITDA ging hingegen leicht um 0,1 Prozent auf 71,4 Millionen Euro zurück. Die bereinigte EBITDA-Marge sank von 16,4 Prozent auf 15,1 Prozent, auch das operative Ergebnis ging von 50,2 Millionen Euro im Vorjahr auf 46,4 Millionen Euro zurück. Das Management merkte an, dass die Konsolidierung des Algae Ingredients-Werks in Brasilien in der Unternehmenssparte für Lebensmittel einen negativen Effekt auf das Halbjahresergebnis hatte. Investoren sollten daher auf die weitere Entwicklung des Geschäftsjahres achten. Sollte Corbion auch in diesem Zeitraum steigende Umsätze und Auftragszahlen nicht in verbesserte Finanzergebnisse ummünzen können, könnte dies ein Indiz dafür sein, dass das sich derzeit im Umbruch befindliche Geschäftsmodell nicht die erhoffte Profitabilität mit sich bringt. Dies ist vor allem hinsichtlich der in den kommenden Jahren zu erwartenden Produktions- und Absatzsteigerungen für PLA-Produkte interessant. Die hohen Investitionen in die Entwicklung und Fertigung des Plastikersatzes sollten sich als profitabel erweisen, sofern Corbion seinen Wachstumskurs beibehalten möchte.

BASF SE (DE000BASF111)

Auch der deutsche DAX-Konzern BASF sieht sich zwangsläufig mit dem Themengebiet Plastikvermeidung konfrontiert. Plastikprodukte stellen einen wichtigen Bestandteil des BASF-Geschäfts dar. Negativen Imageeffekten und gesetzlichen Einflussnahmen auf diesem Markt möchte das Unternehmen dementsprechend vorbeugen. Im Zuge dessen trat BASF zu Beginn des Jahres der Initiative „Alliance to End Plastic Waste“ (AEPW) bei, welche sich aus internationalen Großkonzernen der Plastikproduktion sowie großen Konsumgutproduzenten zusammensetzt. Ziel dieser Vereinigung ist die Förderung des globalen Müllmanagements, die Entwicklung neuartiger Recycling-Technologien und neuer Materialien sowie die Reinigung betroffener Flüsse und Ozeane. Darüber hinaus sucht BASF aber auch selbstständig nach Wegen zur Entsorgung von Plastikabfällen und nach Ersatzmaterialien. Das Projekt „ChemCycling“ sieht beispielsweise vor, aus derzeit nicht recycelten Kunststoffen, aufgrund von Verunreinigung oder Vermischung mit anderen Stoffen, mit Hilfe thermochemischer Verfahren neue Produkte erzeugen zu können. Mit derzeit 10 Pilotkunden erprobt BASF hierdurch den Aufbau von Kreislaufsystemen bezüglich der Produktion und Wiederverwendung von Produkten. Eines dieser Pilotprojekte absolviert BASF derzeit mit Jaguar Land Rover. Im Rahmen dieses Projektes transformiert BASF aus dem Hausmüll entnommene Kunststoffteile mittels eines thermochemischen Verfahrens in Pyrolyseöl, welches in künftigen Produktionsprozessen fossile Materialien gleichwertig ersetzen soll. Auf diese Weise sollen zukünftig Armaturenbretter und Karosseriekomponenten nachhaltig produziert werden. Auch das Kunststoffgranulat „ecovio“ ist kompostierbar und biobasiert. Vor allem mit dieser Produktlinie könnte BASF im Zuge der oben genannten EU-Verordnung profitieren. Sie umfasst Produkte wie Müll- oder Obstbeutel, Tragetaschen sowie diverse Folien. Diese Produkte besitzen heute noch eine große Verbreitung als Einwegprodukte. Derzeit stellen die Bemühungen in Richtung Plastikvermeidung noch einen kleinen Anteil der Gesamttätigkeit der BASF dar. Entsprechend gering könnte in der näheren Zukunft deren Einfluss auf die Unternehmenszahlen ausfallen, nicht zuletzt, da sich ChemCycling-Verfahren noch in der Entwicklung- und Testphase befinden. Andererseits muss angemerkt werden, dass BASF über eine umfangreiche Partner- und Kundenbasis verfügt und somit, vor allem im Vergleich zu Kleinunternehmen und Start-Ups in diesem Sektor, eine schnelle Marktverbreitung seiner Entwicklungen erreichen könnte. Im Falle der erfolgreichen Entwicklung könnte ein Einsatz dieser Lösungen, auch angesichts der positiven Imageeffekte, für Bestands- und Neukunden attraktiv sein. Anleger sollten in diesem Zusammenhang auf Erfolgsmeldungen der ChemCycling-Pilotprojekte Acht geben.

Tomra Systems ASA (NO0005668905)

Eine weitere Zielsetzung der EU könnte in den kommenden Jahren für das norwegische Unternehmen Tomra Systems für positive Geschäftsvoraussetzungen sorgen. Die Zielsetzung, bis zum Jahr 2025 90 Prozent aller in Umlauf befindlichen Plastikflaschen durch Sortier- und Sammelsysteme zurückzunehmen, trifft genau das Geschäft dieses Produzenten von Pfandrücknahmesystemen. Während solche Systeme in Deutschland und vielen weiteren EU-Ländern längst zum Standard zählen und breitflächig Einsatz finden, sieht dies global betrachtet noch anders aus, Sortiersysteme sind hier oftmals die Ausnahme. Tomra Systems wurde im Jahr 1972 gegründet und ist im Bereich der Rücknahmeautomaten für Pfandflaschen derzeit Weltmarktführer. Insgesamt hat das Unternehmen aktuell weltweit etwa 82.000 solcher Automaten installiert. Insbesondere auf dem asiatischen Markt sieht das Unternehmen nun weiteres Wachstumspotenzial. Alleine der chinesische und der indische Markt bieten in diesem Zusammenhang eine weitere potenzielle „Kundenbasis“ von knapp 2,75 Milliarden Menschen, mit entsprechendem Bedarf an Pfandautomaten. Erst kürzlich eröffnete Tomra Systems ein Kundencenter im indischen Bengaluru, auf Präsentationen und Roadshows betonen Vertreter des Unternehmens immer wieder die Bedeutung der neuen Märkte. Auch in China hat Tomra Systems seine Präsenz in den vergangenen Jahren kontinuierlich erhöht und unterhält im Reich der Mitte derzeit zwei Joint Ventures, zwei Tochterunternehmen, zwei Montagestätten sowie zwei Test Center. Es sollte spannend zu beobachten sein, wann sich diese Investments in Marktwachstum umsetzen lassen und einen nachhaltigen Effekt auf die Bilanz des Unternehmens ausüben können. Neben dem Geschäft mit Pfandrücknahmeautomaten produziert Tomra Systems auch Verdichtungs-, Sortier- und Abfallverwertungsanlagen, welche zusätzliche Einnahmen generieren, auch wenn kurzfristig das größte Wachstumspotenzial im Bereich der Leergutrücknahme verortet sein dürfte. Derzeit beträgt der Anteil dieser Sparte am Konzernumsatz 52 Prozent. Das Sammelsegment selbst unterteilt sich nochmals in einen 35-prozentigen Anteil des Gerätevertriebs und eines 65-prozentigen Anteils an Wartung- und Service-Dienstleistungen. Insbesondere diese Service-Vereinbarungen verschaffen Tomra Systems hierbei kalkulierbare Einnahmen über kurz- und mittelfristige Zeiträume hinweg und könnten dafür sorgen, dass das Unternehmen im Falle stark steigender Verbreitung seiner Automaten auf dem asiatischen Markt auch das Volumen seines Service-Segments weitreichend ausbauen könnte. Insbesondere mit Blick auf neue Gesetzgebungs- und Normierungsverfahren in Australien, England, Frankreich, Portugal und Schottland sollten Anleger aber auch die Entwicklungen auf diesen Märkten beachten. Erweiterungs- oder Modifizierungsaufträge könnten auch in diesem Zusammenhang zusätzliche Umsätze bedingen. Während bereits in den vergangenen fünf Jahren Umsatz- und Gewinnkennzahlen des Konzerns stetig gesteigert werden konnten, machte auch das zweite Quartal des laufenden Jahres hier keine Ausnahme. Der Quartalsumsatz stieg im Vergleich zum Vorjahr um 8 Prozent auf 240 Millionen Euro an, während die Bruttomarge von 43 auf 45 Prozent zulegen konnte. Auffällig war hierbei jedoch, dass die guten Quartalszahlen vor allem durch das Geschäft mit den Sortierlösungen angetrieben wurde. Angesichts der neusten Entwicklungen könnte das Sammelgeschäft in Zukunft aber hier wieder die Führungsrolle einnehmen.


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