Argumente

Hoch gepokert, tief gefallen?

Was Uniper überhaupt macht
Um diese Frage gerecht zu beantworten, lohnt sich wie so oft der Blick in den Jahresbericht.
Unter dem Abschnitt “Grundlagen des Konzerns” erläutert das Unternehmen ausführlich
sein Geschäftsmodell. Fast 11.500 Mitarbeitende in über 40 Ländern sorgen für die sichere
Bereitstellung von Energie und der damit verbundenen Dienstleistungen. Als
Muttergesellschaft wird die Uniper SE mit Stammsitz in Düsseldorf genannt, deren
Mehrheitseigner wiederum der finnische Energiekonzern Fortum ist. Letzterer hält aktuell
fast 78% der gesamten Anteile. Aufgeteilt ist Uniper übrigens in drei Geschäftssegmente,
nämlich europäische Erzeugung, globaler Handel und russische Stromerzeugung. Vor allem
der dritte Bereich steht seit dem Krieg gegen die Ukraine und den damit einhergehenden
Sanktionen in der Kritik.
Welche Ziele Uniper verfolgt
Um den Herausforderungen des Klimawandels adäquat zu begegnen und die ambitionierten
Vorgaben des Pariser Abkommens zu erreichen, hat sich das Energieunternehmen unter
anderem zu Null-CO2-Emissionen bis 2050 verpflichtet. Erst vor knapp zwei Jahren kündigte
Uniper eine Strategie an, die eine schrittweise Umwandlung zu mehr grüner Energie und
Nachhaltigkeit vorsieht. Gleichzeitig möchte man dabei die Stakeholder und Aktionäre nicht
aus den Augen verlieren.
Die angestrebte und durchaus ehrgeizige Transformation wird selbstverständlich viel Zeit in
Anspruch nehmen. Helfen sollen dabei allerdings vor allem die Ausweitung derjenigen
Geschäftsbereiche, die schon heute verhältnismäßig ökologisch wirtschaften sowie die
Schaffung neuer Segmente, die sich insbesondere mit erneuerbaren Energien beschäftigen.
Konkret gemeint ist damit zum Beispiel Wasserstoff.
Wie Uniper die Energiewende vorantreiben will
Nach eigenen Angaben ist besonders die Wasserstoffbranche für Uniper kein völlig neues
Terrain. Als eines der ersten europäischen Energieunternehmen konnte man stattdessen die
Produktion von sogenanntem grünem Wasserstoff auf Basis von Elektrolyseverfahren
maßgeblich mitentwickeln. Darüber hinaus wird die Bandbreite der von Uniper
federführenden Wasserstoffprojekte unter anderem durch den Energiepark Bad Lauchstädt,
das Infrastrukturprojekt in Wilhelmshaven oder das Projekt Air in Schweden belegt.
Die Düsseldorfer sehen sich aufgrund ihrer Erfahrung in den Bereichen Beschaffung,
Optimierung, Handel sowie Risikomanagement und der umfangreichen Projektpipeline für
die Zukunft gut gewappnet. Im immer dynamischer werdenden Wasserstoff- und
Bioethanmarkt möchte man sich möglichst früh passend positionieren. Das übergeordnete
Unternehmensziel besteht folglich darin, in den kommenden Jahren zu einer erfolgreichen
Energiewende nicht nur in Deutschland, sondern europaweit beizutragen und den dafür
notwendigen kohlenstoffarmen Wasserstoff zu liefern.
Die einzelnen Segmente in der Übersicht
Europäische Erzeugung: Zum gegenwärtigen Zeitpunkt besitzt und betreibt Uniper nach
eigener Aussage noch rund sechs GW an kohlebefeuerten Kapazitäten in Europa. Für
Deutschland beispielsweise legte das Unternehmen allerdings bereits einen Abschaltplan für
die noch aktiven Steinkohlekraftwerke vor, wodurch knapp 18 Millionen Tonnen CO2 pro
anno eingespart werden können. Dem Ziel der Klimaneutralität käme man durch einen
solchen Schritt bedeutsam näher.
Sowohl in Großbritannien als auch den Niederlanden folgt man den jeweiligen nationalen
Kohleausstiegsplänen. Dadurch soll unter anderem schon in diesem September ein Block
von Ratcliff mit einer bisherigen Leistung von 500 MW vom Netz genommen werden. Die
übrigen Blöcke werden den jetzigen Plänen nach spätestens im September 2024
abgeschalten. Maasvlakte 3 in den Niederlanden wird schließlich bis Ende des Jahres 2029
stillgelegt.
Globaler Handel: Auch für die Zukunft strebt Uniper durch weltweite
Energiehandelsaktivitäten die Schaffung signifikanter Werte an. Nicht nur soll die Position
als einer der führenden europäischen Gas-Midstream-Anbieter weiter gefestigt werden.
Ebenso möchte man das eigene Engagement im LNG-Geschäft ausweiten, um unmittelbar
von den dort wachsenden Volumina zu profitieren. Dabei wird LNG als effektives Mittel zur
Reduktion von Kohlenstoffemissionen in Stromerzeugungssystemen außerhalb Europas
angesehen.
Neben der etablierten Position als Anbieter im Heliumgeschäft möchte das Unternehmen
zudem seine Vorreiterrolle innerhalb der Gasbranche nutzen, um die Agenda zur
Dekarbonisierung umzusetzen. Gelingen soll dies insbesondere durch die Erweiterung des
bestehenden Portfolios um Wasserstoff- und wasserstoffbezogene Rohstoffe. Hierzulande
beispielsweise wurde bereits ein Plan vorgelegt, der eine Wasserstoffkapazität von bis zu
fünf GW im Jahr 2030 vorsieht. Dies entspräche einer Produktion von schätzungsweise
vierzehn TWh. Tatsächlich zeigen Prognosen, dass Deutschland in einigen Jahren schon
deutlich mehr Wasserstoff benötigen könnte. Uniper rechnet daher mit einem erheblichen
Ungleichgewicht und der Notwendigkeit umfassender Wasserstoffimporte. Durch innovative
Geschäftsideen möchte der Konzern schon heute daran arbeiten, dem späteren
Importbedarf in ausreichendem Maße begegnen zu können.
Russische Stromerzeugung: Erst im vergangenen Jahr hat die russische Tochtergesellschaft
des Mutterkonzerns – Unipro – einen Ausschuss für nachhaltige Entwicklung im
Direktorenrat eingerichtet. Die Hauptaufgabe dieses Schrittes besteht nun darin, die
langfristige Planung der strategischen Ziele zu übernehmen. Hier sind folglich auch soziale,
ökologische und Governance-Aspekte betreffend des ESG-Controllings berücksichtigt.
Uniper zeigt sich im Ganzen also bestrebt, die Umweltauswirkungen seines russischen
Stromerzeugungssegments aktiv zu reduzieren.
Unipro sucht außerdem stets nach Möglichkeiten, um sein Portfolio zu modernisieren. So
sind beispielsweise schon jetzt umfassende Investitionen zur Erneuerung von insgesamt fünf
großen Blöcken des Kraftwerks Surgutskaja-2 mit einer Gesamtleistung von vier GW
angedacht. Diese Kapitalmaßnahmen zielen in erster Linie auf eine Verbesserung des
ökologischen Fußabdrucks ab.
Alles in allem unternimmt das Unternehmen also schon heute einiges, um dem
ausgegebenen Ziel der Klimaneutralität näher zu kommen. In Anbetracht der zunehmenden
gesellschaftlichen Forderung nach sauberer Energie scheint Uniper also auf dem richtigen
Weg zu sein, wenngleich noch einige sprichwörtliche Meilen vor ihnen liegen dürften.
Das weitreichende Uniper-Risikomanagementsystem
Gerade jetzt, da der Düsseldorfer Konzern in die Bredouille geraten ist, möchten Investoren
möglichst abschätzen können, wie die Zukunft aussehen könnte. Um den mittelbaren Folgen
der Gasknappheit und dem resultierenden finanziellen Engpass standhalten zu können,
braucht es also ein funktionierendes internes Kontrollsystem. Im Geschäftsbericht des
letzten Jahres skizziert Uniper dazu ein Diagramm, das mehrere Ziele verfolgt.
Unter anderem sollen dadurch rechtliche und regulatorische Anforderungen wie das Gesetz
zur Überprüfung und Transparenz im Unternehmensbereich erfüllt werden. Ferner steht die
Sicherung des Fortbestandes des Uniper-Konzerns im Mittelpunkt, indem die Gesamtrisiken
in angemessenem Verhältnis zu den zur Verfügung stehenden finanziellen Ressourcen
gehalten werden. Nicht zuletzt sollen bei wichtigen Entscheidungen und Prozessen,
einschließlich solcher, die Investitionen und die Unternehmensplanung betreffen, nicht nur
die möglichen Renditen, sondern auch die potenziellen Gefahren berücksichtigt werden.
Relevante Finanzierungsmaßnahmen seitens Uniper
Die für dieses Jahr bevorstehenden Nettoinvestitionen sowie die angedachte Dividende
sollten vor allem durch den operativen Cashflow des Vorjahres finanziert werden. Bei Bedarf
könnten zusätzliche Kapitalquellen herangezogen werden. Selbiges war auch für die
temporäre Finanzierung von Betriebsmitteln und Sicherheitsleistungen vorgesehen. Auf
Ebene der Muttergesellschaft Uniper SE stehen 2022 Fälligkeiten von Commercial Paper und
Finanzverbindlichkeiten gegenüber Banken in Höhe von 1,8 Milliarden Euro an, was einem
Anstieg von immerhin 100 Millionen Euro gegenüber 2021 bedeutet. Ob und wie diese
Schulden aufgrund der jüngsten Entwicklungen getilgt werden können, ist bislang nicht klar.

Uniper – der Blick auf die Zahlen
Nach Bekanntgabe der Schwierigkeiten dauerte es nicht lange, bis der Kurs der Uniper-Aktie
an der Börse einbrach. Doch lässt sich diese negative Entwicklung rein fundamental
eigentlich rechtfertigen oder verfügt der Konzern möglicherweise sogar über ungeahnte
Potenziale, die bei einem Turnaround ungemein helfen würden?

Zunächst zur wohl gröbsten, dafür aber unverfälschtesten Zahl – dem Umsatz. Betrachtet
man hier den Zeitraum zwischen 2015 und 2021 fällt eine vergleichsweise hohe
Unbeständigkeit auf. Sank der Ertrag in den Jahren 2018 bis 2020 dreimal hintereinander,
schossen die Einnahmen im Anschluss um satte 221% nach oben und erreichten im Jahr
2021 so einen Wert von fast 164 Milliarden Euro. Aufgrund der allgemein stark gestiegenen
Energiekosten wäre ein erneuter Umsatzsprung 2022 nicht ausgeschlossen. Belastet wird
dies nun allerdings durch die zuletzt aufgekommenen Differenzen.
Allein die Erträge werden der Uniper-Aktie aber kaum zu frischem Wind verhelfen, zumal
man sich von dieser Kennzahl nicht hinters Licht führen lassen sollte. So relativiert unter
anderem der Blick auf das Ergebnis vor und nach Steuern die bis hierher erlangten
Erkenntnisse. Schließlich fuhr der Konzern bei letztem Parameter im Jahr 2021 einen
saftigen Verlust in Höhe von deutlich über 4,1 Milliarden Euro ein. Und auch in puncto
Gesamtverbindlichkeiten konnte man zuletzt alles andere als glänzen. Immerhin
verfünffachten sich die Schulden fast im Vergleich zum Vorjahr 2020.
Des Weiteren verzeichneten die ausgezahlte Dividende mit nur noch 0,07€ je Anteil sowie
das Ergebnis pro Aktie mit einem Verlust von 11,39€ deutliche Rückschläge. Ausgehend von
diesen eher ernüchternden Resultaten verwundert es nun nicht allzu sehr, dass Uniper in
finanzielle Schieflage geraten ist. Schon zuvor lief sichtlich nicht alles rund.
Entwicklung & Prognose zur Uniper-Aktie
Den weiteren Weg der Uniper-Aktie vorherzusehen, ist insbesondere aufgrund der
gegebenen Umstände aktuell kaum möglich. Nicht einmal die Kapitalmarktprofis sind sich in
der momentanen Lage sicher, wie sie den Titel bewerten sollen. Die ausgegebenen Kursziele
spiegeln diese Unstimmigkeiten gut wider. Von acht beobachtenden Analysten halten vier
eine Erholung der Uniper-Aktie auf 20,50€ beziehungsweise sogar 26,60€ je Anteil für
möglich. Ob sich eine solche Verdrei- bis Vervierfachung mitsamt der Rahmenbedingungen
jedoch tatsächlich vollziehen wird, darf angezweifelt werden. Auf der anderen Seite strichen
beispielsweise das Bankhaus Metzler sowie JPMorgan ihre bisherigen Prognosen zusammen
und korrigierten die Kursziele auf 6€ respektive 5,50€ je Anteil nach unten. Wer letztlich
Recht behalten wird, lässt sich derzeit nur äußerst schwer erahnen.

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