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Autonomes Fahren: es kommt wieder Bewegung in den Markt!

Ein Beitrag von Mr. Dow 2 01.08 - 15:40

Seit längerem handelt es sich bei autonomen Fahrfunktionen um eines der wichtigsten Zukunftsthemen des Automobilbaus. Während dieses Themenfeld zuletzt etwas abgekühlt ist und durchaus auch kritisch beäugt wurde, so scheint nun wieder Bewegung in den Wettbewerb zu kommen. Aktuelle Ankündigungen und Vollzugsmeldungen machen Hoffnung auf einen bedeutenden Entwicklungsschritt der Systeme.
 
Tesla Motors Inc
 
 
Continental AG
 
 
Daimler AG
 

Über Twitter bezifferte Tesla-CEO Elon Musk den Wert eines vollentwickelten autonomen Fahrmodus auf 100.000 US-Dollar pro Fahrzeug. Auch wenn diese Äußerung aufgrund der Positionierung seines Unternehmens subjektiven Charakter besitzt und der Vermarktung der Systeme Vorschub leisten soll, so kann sie auch als weiteres Indiz für eine sich nährende Serienreife autonomer Fahrsysteme gedeutet werden. Eine solche Neubewertung der Marktsituation könnte auch die Konkurrenten Daimler und BMW dazu verleitet haben, die Kooperation in diesem Bereich auszusetzen und künftig individuell Lösungen zu erforschen. Das Potenzial der Technologie für die globale Mobilität lässt sich anhand einer Studie des Marktforschungsunternehmens „Grand View Research“ erahnen. Die Mitarbeiter dieser Gesellschaft prognostizieren für das Autonome Fahren im kommenden Jahrzehnt eine jährliche Wachstumsrate in Höhe von 63,1 Prozent. Auch für Zulieferer im Automobilsektor könnten selbstfahrende Fahrzeuge mittel- bis langfristig eine Schlüsseltechnologie darstellen. Neben zwei Fahrzeugproduzenten wird daher im Folgenden auch ein solches Unternehmen betrachtet.

Continental AG (DE0005439004)

Die deutsche Continental AG intensiviert derzeit ihre Aktivitäten im Bereich selbstfahrender Systeme. Kürzlich hat der Konzern in Frankfurt am Main ein neues Rechenzentrum in Betrieb genommen, um die Entwicklungsarbeit zu beschleunigen. Die Anlage umfasst einen Supercomputer, welcher auf Nvidia-Komponenten basiert und künftig Simulationen auf Grundlage von Testdaten durchführen wird. Continental gibt an, dass man derzeit täglich mit Testwagen circa 15.000 Kilometer zurücklegt und hierbei bis zu 100 Terabyte an Daten generiert. Das neue Rechenzentrum soll diese Datenmenge weitaus effizienter und schneller verarbeiten können als die bisherige Infrastruktur, laut Unternehmensangaben werden diverse Prozesse von mehreren Wochen Laufzeit auf einige Stunden heruntergebrochen. Neuentwickelte Systeme sollen zukünftig verstärkt durch Simulationen detailliert erprobt werden, bevor sie in den Testbetrieb übergehen. Somit könnten Investitionen in Fehlentwicklungen vermieden werden, bevor der oft aufwendige Prototypenbau anläuft. Dass die Architektur des Superrechners auf Nvidia ausgerichtet ist, spielt für die Positionierung des Konzerns eine wichtige Rolle. Viele große Automobilproduzenten nutzen die Komponenten des amerikanischen Unternehmens, um ihre Systeme zu entwickeln. Vor dem Hintergrund optimaler Kompatibilität ist es daher wichtig, sich am aktuellen technischen Standard zu orientieren. Das Simulationszentrum wurde für Continental zu einem günstigen Zeitpunkt fertiggestellt. Im April verkündete das Unternehmen, als Folge der Corona-Pandemie in diversen Unternehmensbereichen die Investitionen zurückhalten zu müssen, unter anderem auch in Bezug auf die Entwicklung selbstfahrender Systeme. Die Kosteneinsparungen durch den leistungsfähigen Simulationsbetrieb könnten für das Unternehmen in der aktuellen Situation somit sogar einen Wettbewerbsvorteil darstellen. Das Management vertiefte die neue Taktik durch eine Fortführung des „PRORETA“-Projekts. Diese Kooperation mit der TU Darmstadt, der Universität Bremen sowie der rumänischen TU Iaşi umfasst mehrere Projekte zur Erforschung von Verkehrssituationen und deren Verarbeitung im urbanen Großstadtverkehr. Bis September 2022 erhofft sich Continental hierdurch Erkenntnisse hinsichtlich der Realisierbarkeit von autonomen Systemen des Levels 4 sowie der generellen weiteren Entwicklungsrichtung des Autonomen Fahrens. Durch die gute Vernetzung innerhalb der Automobilindustrie könnte Continental ein interessantes Investment in Bezug auf das Autonome Fahren darstellen. Zu beachten ist in diesem Zusammenhang jedoch der Umstand, dass der Konzern stark vom Automotive-Sektor abhängig ist und somit auch von konjunkturellen Schwankungen im Zuge der Corona-Krise tendenziell stärker getroffen werden könnte.

Tesla Motors Inc (US88160R1014)

Neben seiner Position als Elektroauto-Pionier zählt Tesla auch zu den bekanntesten Innovatoren bezüglich des Autonomen Fahrens. Jüngst sorgte Elon Musk für Aufsehen, als er ankündigte, Tesla stünde kurz vor der Realisierung von Level-5 Funktionen für den Autopiloten, ohne die Notwendigkeit von Hardware-Upgrades in den Fahrzeugen. Auch wenn eine solche Entwicklung schon aufgrund gesetzlicher Rahmenbedingungen derzeit illusorisch erscheint, unterstrich der Tesla-CEO abermals die Zielsetzung, mit vollautonomen Systemen zuerst am Markt zu sein. Derzeit arbeitet man bei Tesla an einer Verbesserung der Orientierung bestimmter Autopilot-Funktionen. Aktuell operiert das System noch mit zweidimensionaler Bilderkennung, welche durch Labels für erkannte Objekte erweitert wird. Künftig könnte das System etwa mit stereoskopischen Videoaufnahmen sowie vorbereiteten Zeitmarken arbeiten. Die genaue Funktionsweise bleibt unklar, Tesla möchte jedoch von der bisherigen Dimensionalität in einen 4D-Raum gelangen, wodurch die Genauigkeit und Reaktionsfähigkeit der autonomen Systeme beträchtlich erhöht werden soll. Ein umfassendes Upgrade für die autonomen Systeme der Tesla-Fahrzeuge wurde für die kommenden Monate angekündigt, dieses könnte auch neue Funktionen beinhalten. Die Preise für das „Full Self Driving“-Paket wurden zuletzt um etwa 1.000 US-Dollar erhöht. Es wird vermutet, dass das angekündigte System-Update wohl primär für die Fahrzeuge mit dieser Konfiguration konzipiert ist. Tesla könnte ein interessantes Investment sein, da der Konzern bereits seit mehreren Jahren beträchtliche Ressourcen in die Entwicklung der autonomen Funktionen investiert und sich einen technologischen Vorsprung vor vielen traditionellen Automobilproduzenten erarbeitet hat. Dies bezieht sich etwa auf die Software-Architektur der Fahrzeuge, welche, anders als bei vielen Konkurrenten, nicht aus multiplen Einzelsystemen besteht, sondern das komplette Fahrzeug umfasst. Darüber hinaus sind viele Tesla-Fahrzeuge bereits mit den notwendigen Hardware-Komponenten versehen und könnten durch Software-Updates um autonome Funktionen erweitert werden, Tesla wäre mit der Technologie somit äußerst schnell am Markt. Die Corona-Pandemie könnte die Konkurrenz zudem einbremsen, indem diese die kosten- und ressourcenintensive Entwicklungsarbeit bei schlechter Geschäftslage vermutlich drosseln müsste.

Daimler AG (DE0007100000)

Kritiker hielten dem Daimler-Konzern in der jüngeren Vergangenheit immer wieder vor, in Bezug auf einige Automotive-Zukunftsfelder nicht gut positioniert zu sein, autonome Fahrsysteme zählten hierbei zu den Kritikpunkten am Stuttgarter DAX-Unternehmen. In den vergangenen Jahren zeigte sich das Management in Bezug auf das Autonome Fahren jedoch bemüht. Im Juni dieses Jahres verkündete man nun die Ausweitung der Zusammenarbeit mit Nvidia. Anders als beispielsweise Continental, möchte Daimler hierbei die KI-Architektur von Nvidia für die Weiterentwicklung der Systeme verwenden. Der Fokus des Unternehmens scheint stärker auf der Integration der Systeme in die Fahrzeugarchitektur zu liegen. Dies könnte Daimler Entwicklungszeit und Kosten sparen, jedoch auch die Abhängigkeit von den Zulieferern erhöhen. Die zu entwickelnde Plattform soll ab dem Jahr 2024 Einzug in die Fahrzeuge erhalten und es erstmals ermöglichen, über den kompletten Lebenszyklus eines Autos neue Funktionen aufzuspielen oder Systemupdates durchzuführen. Zur Markteinführung sollen Level-2 sowie Level-3 Fahrfunktionen möglich sein. In Parksituationen sollen gar Level-4 Fähigkeiten ermöglicht werden, diese wurden teilweise für die neue Generation der Mercedes-Benz S-Klasse bereits angekündigt. Für Daimler ergeben sich hinsichtlich der Entwicklung autonomer Fahrfunktionen auch bedeutende Synergie-Potenziale mit der LKW-Sparte. Daher gründete der Konzern die „Autonomous Technology Group“. Das neue Projekt umfasst ein Investment in Höhe von 500 Millionen Euro und soll die Entwicklung von Trucks mit Level-4 Fahrfunktionen vorantreiben. Fahrassistenzsysteme könnten bei der Regulierung des LKW-Verkehrs künftig eine größere Rolle spielen als bei der PKWs. Aufgrund der bedeutenden Marktstellung des Konzerns auf dem Nutzfahrzeug-Markt ist es daher unerlässlich, in diesem Bereich nicht den Anschluss zu verlieren. Autonome Fähigkeiten des vierten Levels testet Daimler aktuell in Kooperation mit Bosch im kalifornischen San José. Mit einer Flotte von 30 Mercedes-Benz S-Klassen führen die beiden Partner hier Testfahrten durch. Daimler zeigt sich also weiterhin bemüht, der Kritik an der eigenen Technologie-Strategie entgegen zu treten.


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